Die Zukunft des Kaffees erschließen: Warum das Nagoya-Protokoll heute wichtiger denn je ist
Hoch oben in den Nebelwäldern Madagaskars klammern sich wilde Kaffeebäume an die Hänge nebelverhangener Berge. Diese uralten Pflanzen – von denen einige unmittelbar vom Aussterben bedroht sind – bergen die genetischen Schlüssel für unsere morgendliche Tasse Kaffee, für globale Wirtschaftssysteme und für die Widerstandsfähigkeit des Kaffees in einer sich wandelnden Klimawelt. Doch während die Wissenschaft versucht, dieses genetische Gold zu erschließen, bleibt eine entscheidende Frage bestehen: Wem gehört der genetische Bauplan der Natur – und wer darf von ihm profitieren?
Im Mittelpunkt dieser Frage steht ein wenig bekanntes, aber äußerst einflussreiches internationales Regelwerk: das Nagoya-Protokoll. Für die globale Kaffeegemeinschaft – von Kleinbauern in Afrika über Röstereien in Europa bis hin zu Pflanzenzüchtern und Genetikern in Lateinamerika – ist das Verständnis dieses Abkommens längst keine Option mehr, sondern eine Voraussetzung für das Überleben, die Nachhaltigkeit und die Souveränität des Kaffees.
Was ist das Nagoya-Protokoll?
Das Nagoya-Protokoll wurde 2010 verabschiedet und trat 2014 in Kraft. Es ist ein internationales Abkommen im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD). Es regelt den Zugang zu genetischen Ressourcen – beispielsweise zur DNA von Kaffeepflanzen – sowie die faire und gerechte Aufteilung der Vorteile, die aus deren Nutzung entstehen, zwischen den nutzenden Akteuren und den Ländern beziehungsweise Gemeinschaften, die diese Ressourcen bereitstellen.
Das Grundprinzip ist einfach: Möchte ein Unternehmen, eine Forschungseinrichtung oder eine andere Organisation genetisches Material einer Pflanze aus einem anderen Land nutzen, muss zunächst eine vorherige informierte Zustimmung (Prior Informed Consent, PIC) eingeholt werden. Anschließend werden einvernehmlich vereinbarte Bedingungen (Mutually Agreed Terms, MAT) ausgehandelt, die regeln, wie die entstehenden Vorteile – finanzieller oder anderer Art – geteilt werden.
In der praktischen Umsetzung erweist sich dieses Prinzip jedoch als alles andere als einfach.
Kaffee und das Nagoya-Protokoll – eine komplexe Beziehung
Kaffee – insbesondere Wildarten und traditionelle Landsorten wie Coffea liberica, Coffea racemosa oder Coffea stenophylla – stammt ursprünglich aus wenigen tropischen Ländern, wird jedoch weltweit konsumiert. Seine genetische Vielfalt bildet die Grundlage für die Züchtung neuer Sorten, die Krankheiten widerstehen, Hitze besser vertragen oder außergewöhnliche Aromaprofile entwickeln können. Viele dieser wilden Verwandten werden heute in nationalen Genbanken oder in natürlichen Lebensräumen erhalten, die unter der Hoheit ihrer jeweiligen Staaten stehen.
Im Gegensatz zu Kulturpflanzen wie Weizen oder Reis ist Kaffee jedoch nicht Bestandteil des Multilateralen Systems (MLS) des Internationalen Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGRFA) der FAO. Dadurch unterliegt Kaffee den bilateralen Zugangs- und Vorteilsausgleichsregelungen (Access and Benefit-Sharing, ABS) des Nagoya-Protokolls – ein komplexes regulatorisches Geflecht, mit dessen Anforderungen viele Institutionen noch immer zu kämpfen haben.
Engpässe bei Erhaltung und Austausch
Eine umfassende Studie aus dem Jahr 2025, koordiniert vom Crop Trust, der International Coffee Organization (ICO) und weiteren Partnern, zeigt zahlreiche Schwachstellen:
- Genbanken verfügen häufig nicht über digitalisierte und öffentlich zugängliche Informationen zu ihren Sammlungen.
- Die rechtlichen Verfahren zum Zugang zu genetischem Pflanzenmaterial sind oft unklar, langwierig und insbesondere grenzüberschreitend uneinheitlich.
- Mechanismen zur gerechten Vorteilsteilung werden nur ungleichmäßig umgesetzt und kommen lokalen Gemeinschaften oder sogar den Genbanken, die das Material erhalten, häufig gar nicht zugute.
- Vielen Nutzern – sowohl öffentlichen Forschungseinrichtungen als auch privaten Unternehmen – fehlen grundlegende Kenntnisse über die ABS-Regelungen, ihre Verpflichtungen und die Anforderungen für eine rechtskonforme Nutzung.
Noch besorgniserregender ist, dass zwar mehr als 40 % der Kaffeeforschenden mit genetischem Material arbeiten, das unter die ABS-Regelungen fällt – insbesondere kommerziell genutzte oder aus Genbanken stammende Proben –, jedoch weniger als 10 % angeben, sich im rechtlichen Rahmen wirklich sicher zu bewegen.
Was steht auf dem Spiel?
Ohne einen funktionierenden und gerechten Zugang zur genetischen Vielfalt des Kaffees drohen weitreichende Folgen:
- Züchtungsprogramme geraten ins Stocken – neue Sorten mit Resistenzen gegen Kaffeerost oder Klimastress werden verzögert oder überhaupt nicht entwickelt.
- Kleinbäuerinnen und Kleinbauern verlieren doppelt: Sie erhalten weder verbesserte Pflanzensorten noch profitieren sie angemessen von der Nutzung genetischer Ressourcen.
- Die wissenschaftliche Zusammenarbeit leidet, da rechtliche Unsicherheiten Vertrauen und Kooperation erschweren.
- Der Erhalt der genetischen Vielfalt wird gefährdet, weil chronisch unterfinanzierte Genbanken isoliert werden oder kaum Anreize haben, ihre Bestände zu teilen.
Angesichts zunehmender Klimarisiken und einer weltweit weiter steigenden Nachfrage nach Kaffee entwickelt sich diese Situation zu einer Krise in Zeitlupe.
Ein globaler Handlungsaufruf
Auf dem Abidjan-Workshop 2025 wurden fünf vorrangige Maßnahmen identifiziert, um diese Blockade zu überwinden:
- Einrichtung einer internationalen Arbeitsgruppe zum Thema ABS im Kaffeesektor, um gemeinsame Strategien zu entwickeln.
- Erstellung eines praxisnahen Leitfadens für Forschende, Pflanzenzüchter und Unternehmen zur rechtskonformen Umsetzung der ABS-Regelungen.
- Dokumentation realer ABS-Fallstudien – sowohl erfolgreicher Beispiele als auch gescheiterter Projekte –, um Orientierung für den Kaffeesektor zu schaffen.
- Stärkere Einbindung des Privatsektors und der Zivilgesellschaft in die Weiterentwicklung der ABS-Rahmenbedingungen.
- Einrichtung eines langfristigen Fonds zur Finanzierung von Genbanken und zur Sicherung von Erhaltung sowie gerechter Vorteilsteilung.
Eine Lösung, die zunehmend Unterstützung findet, ist die Aufnahme von Kaffee in das Multilaterale System (MLS) des ITPGRFA. Dadurch könnten Zugang und Vorteilsausgleich über standardisierte Verfahren deutlich vereinfacht werden – so wie es bereits bei anderen wichtigen Nahrungspflanzen praktiziert wird.
Auf dem Weg zu einer gerechteren Zukunft des Kaffees
ABS bedeutet weit mehr als die Einhaltung rechtlicher Vorschriften. Es geht um Fairness, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Es bedeutet, diejenigen anzuerkennen, die das genetische Erbe des Kaffees über Generationen bewahrt haben – Landwirte, indigene Gemeinschaften und die Ursprungsländer des Kaffees – und sie als gleichberechtigte Partner an der Gestaltung seiner Zukunft zu beteiligen.
Dr. Sélim Louafi von CIRAD bringt es auf den Punkt:
„ABS dient nicht allein dazu, wirtschaftlichen Wert abzuschöpfen. Es geht darum, Innovation gemeinsam zu entwickeln und ihre Früchte gerecht zu teilen.“
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diese gemeinsame Zukunft zu gestalten. Eine Zukunft, in der wilde Kaffeearten nicht lediglich als museale Sammlungsobjekte erhalten bleiben, sondern als lebendige Brücke zu einer widerstandsfähigen Landwirtschaft dienen. Eine Zukunft, in der wissenschaftlicher Fortschritt und nationale Souveränität Hand in Hand gehen. Und eine Zukunft, in der der Kaffee in unserer Tasse nicht die Geschichte von Ausbeutung erzählt, sondern von Zusammenarbeit.
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